{"id":14045,"date":"2026-01-26T09:58:29","date_gmt":"2026-01-26T08:58:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.anialosinger.com\/die-anmut-in-ihrer-diszipliniertesten-form-wie-ania-losinger-ihre-eigene-gesamtkunst-entwickelt-integral\/"},"modified":"2026-01-26T10:01:16","modified_gmt":"2026-01-26T09:01:16","slug":"die-anmut-in-ihrer-diszipliniertesten-form-wie-ania-losinger-ihre-eigene-gesamtkunst-entwickelt-integral","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.anialosinger.com\/en\/die-anmut-in-ihrer-diszipliniertesten-form-wie-ania-losinger-ihre-eigene-gesamtkunst-entwickelt-integral\/","title":{"rendered":"Charm in its most Disciplined Form &#8211; How Ania Losinger Develops her Art INTEGRAL german"},"content":{"rendered":"<p>Berner Almanach Tanz<\/p>\n<h4>Auf lausigen B\u00f6den tanzte sie nicht gern. Auch wenn die Gitanas in Andalusien den Flamenco auf staubtrockner Erde oder holprigen Dorfpl\u00e4tzen ungesch\u00f6nt zelebrieren \u2013 sie wollte ihm etwas anderes abgewinnen. <\/h4>\n<p>Deshalb \u00e4rgerte es sie immer, wenn sie an einem Auff\u00fchrungsort erschien und feststellen musste, dass die B\u00fchne aus groben, unebenen Brettern bestand: \u00abWie sollte ich da Nuancen zum Klingen bringen?\u00bb Das leise Schleifen der Schuhspitze etwa, wenn sie, stolz wie eine Carmen, die sich die alten Z\u00f6pfe abgeschnitten hat, einen Bannkreis um sich zog?<br \/>\nDas allm\u00e4hliche Crescendo der Abs\u00e4tze, die einander \u00abtactactactac\u00bb zum ultimativen t\u00e4nzerischen Statement antrieben? Oder den dumpfen Aufprall des Fussballens, wie ein Signal zur Erdmitte hin?<br \/>\nNachdem Ania Losinger all das immer wieder unter wenig zufrieden stellenden Bedingungen dargeboten hatte, beschloss sie, sich eine eigene Bu?hne zu bauen. Sie unterlegte Metall, Teppichreste und andere Materialien, installierte Tonabnehmer, experimentierte. Sie wandte sich von der Gruppe Flamencos en route ab und dem Berner Tonus-Music Labor zu. Sie tanzte zu den Kompositionen des dort aktiven Musikers und Komponisten Don Li und erarbeitete ein Soloprogramm. Aber etwas fehlte. <\/p>\n<p><strong>Von Sevilla nach Shanghai<br \/>\n<\/strong><br \/>\nGern spricht die T\u00e4nzerin aus Gerzensee von einer \u00abF\u00fcgung\u00bb, die sie 1998 mit dem Kaiserstuhler Instrumentenbauer Hamper von Niederh\u00e4usern zusammenf\u00fchrte. Sie tr\u00e4umte inzwischen von \u00abeinem akustischen Klangboden\u00bb, er \u00abwollte schon immer so grosse T\u00f6ne bauen\u00bb. Also entstand in enger Zusammenarbeit der beiden die Xala, ein 400 Kilogramm schweres, 4,5 Quadratmeter grosses Bodenxylophon, mit den F\u00fcssen bespiel- und betanzbar. Wie ein Geschenk zum dreissigsten Geburtstag er\u00f6ffnete es Ania Losinger eine neue Dimension und k\u00fcnstlerische \u00c4ra.<br \/>\nHeute, ereignisreiche zehn Jahre sp\u00e4ter, besitzt sie bereits drei solche Instrumente. Das j\u00fcngste davon, Xala III, reiste 2010 in f\u00fcnf mehr oder weniger handliche Taschen verpackt mit ihr nach Shanghai. Dort trat sie zusammen mit dem Z\u00fcrcher Schlagwerker Mats Eser an der Weltausstellung im spanischen Pavillon auf. Mit Flamenco im traditionellen Sinn hat Losingers aktuelle Tanzkunst allerdings nicht mehr viel zu tun. Eindr\u00fccklich zeigte dies \u00abShanghai Patterns\u00bb, ein St\u00fcck, das sie mit Eser an der Marimba nach der R\u00fcckkehr aus China am BeJazz Winterfestival in Bern urauff\u00fchrte. \u00abDie Gleichzeitigkeit verschiedenster vertrackter Rhythmen, die Losinger mit Absatz und Spitze ihrer Schuhe sowie zwei langen St\u00f6cken auf den Klangh\u00f6lzern der Xala zustande brachte, versetzte beim Zuh\u00f6ren in die flirrende, von tausend Str\u00f6men und Str\u00f6mungen durchzogene Grossstadt\u00bb, schrieb die Autorin dieses Portr\u00e4ts ganz bezaubert in einer Rezension f\u00fcr die Berner Zeitung.<br \/>\nDoch da die T\u00e4nzerin als Musikerin im Berner Tonus-Music Labor gewachsen ist, wo die Minimal Music gepflegt und weiter entwickelt wird, reduzierte sie die Vielfalt immer auch wieder auf einen Aspekt. Da war der Balztanz des Kranichs, den sie mit einem ausladenen F\u00e4cher in vollendeter Eleganz nachahmte \u2013 ein Moment der Stille und Sch\u00f6nheit in diesem St\u00fcck, auch wenn man von der mythologischen Bedeutung des Vogels als Tr\u00e4ger der Seelen in den Himmel nichts weiss.         <\/p>\n<h4>Vom Sport zur Kunst<\/h4>\n<p>Der F\u00e4cher ist eines der Versatzst\u00fccke, die Ania Losinger in immer neue Zusammenh\u00e4nge stellt. Ebenso sind die spanischen Kastagnetten noch vorhanden, in Form von Klappen oben an den hohen St\u00f6cken, mit denen die Ku?nstlerin unten das Xala bespielt. Neben der Fussarbeit ist so gar doppelte rhythmische Handarbeit m\u00f6glich \u2013 ohne den verspielt-ornamentalen Charakter nat\u00fcrlich, den Letztere beim Flamenco hat. Ganz im Gegensatz dazu ist Losingers \u00c4sthetik klar und geradlinig,sind ihre Bewegungen diszipliniert, verr\u00e4t ihr Blick h\u00f6chste Konzentration. Ist sie beim Tanzen und Spielen in Trance? \u00abTrance w\u00fcrde ich es nicht nennen\u00bb, antwortet sie, \u00abeher einen Zustand \u00e4usserster Pr\u00e4senz, wie ich ihn sonst nicht erreichen und erleben kann. Ich h\u00f6re und registriere alles, was im Raum passiert, jeden einzelnen Ton, die Obert\u00f6ne, Schwingungen, Resonanzen. Alles. Und alles gleichzeitig.\u00bb<br \/>\nAuf viele wirkt diese Frau, die in der Disziplin Rhythmische Sportgymnastik einst zum Nationalkader geh\u00f6rte, wie eine Amazone. Etwas Unbeugsames geht von ihr aus, so biegsam, ja geschmeidig ihr K\u00f6rper auch ist. Ist sie Athletin oder K\u00fcnstlerin? Musizierende T\u00e4nzerin oder tanzende Musikerin? \u00abMein Traum war es immer, Tanz und Musik gleichberechtigt in einer Person zu vereinen\u00bb, sagt sie selbst, \u00abdoch lange war es so, dass die Bewegungsabl\u00e4ufe auf der Xala sich nach den rhythmischen Vorgaben richteten und selten umgekehrt.\u00bb Ge\u00e4ndert hat sich dies 2009, als die T\u00e4nzerin erstmals selbst f\u00fcr ihre Xala komponierte, statt ausschliesslich St\u00fccke befreundeter Musiker darauf zu interpretieren. Interessant h\u00f6rte sich das an! Das damalige Programm \u00abThe Five Elements\u00bb besch\u00e4ftigte sich mit Mustern, die f\u00fcr europ\u00e4ische Ohren sehr ungewohnt sind, etwa der \u00dcberlagerung&nbsp;eines Achtertakts mit einem Siebnertakt. Ergeben haben sich solche komplexen rhythmischen Strukturen aus Zahlen, die den f\u00fcnf chinesischen Elementen zugeordnet sind.<br \/>\n\u00abThe Five Elements\u00bb war auch eine Forschungsarbeit \u2013 die eigenwillige K\u00fcnstlerin versteht sich grunds\u00e4tzlich als Forscherin. Das muss sie auch, denn mit jedem Schritt, den sie auf ihrer Xala macht, betritt sie Neuland. Weltweit gibt es kein zweites solches Instrument und keine Zweite, die das komplexe Spiel darauf beherrscht.<br \/>\nHierin besteht Ania Losingers grosse Leistung: Auf diesem Klangboden, dieser eigens f\u00fcr sie konstruierten B\u00fchne entwickelt sie ihre ganz eigene Gesamtkunst und erfindet sich laufend neu. Die Ausdauer, die sie dabei an den Tag legt, ist aussergew\u00f6hnlich und bringt aussergew\u00f6hnliche Resultate.   <\/p>\n<h4>Aus der Weite des Himmel in die Tiefe des Bergs<\/h4>\n<p>Der Klangraum, in dem sich Ania Losinger bewegt, ist weit. So weit wie der Himmel \u00fcber Gerzensee, dem Dorf jenseits der Nebelgrenze. In einem Schloss ist sie dort aufgewachsen. Heute lebt sie in einem zugigen Bauernhaus am selben Ort, lebt von der Musik und f\u00fcr die Musik. Da ist viel Luft, viel Platz zum \u00dcben, viel Ruhe rundum: ideale Bedingungen, die der Konsequenz, mit der diese Ku?nstlerin ihre Ziele verfolgt, sicher zutr\u00e4glich sind. Egal, wo Ania Losinger auftritt \u2013 solo in einem Jazzkeller, mit dem Berner Symphonieorchester im Casino, als Aschenputtel im konzertanten Kindertheater, auf Tour durch Europa oder mit ihrem Partner in Shanghai \u2013 immer ist sie ganz bei sich und entfaltet eine magische Wirkung, der sich niemand entziehen kann. Monochrome Lichtkonzepte, die ihre muskul\u00f6se Silhouette wie einen abstrakten Scherenschnitt wirken lassen oder die Schattenw\u00fcrfe der T\u00e4nzerin in einem konkreten Reigen mit einbeziehen, tragen dazu bei. Bei Losinger ist alles Konzept.<br \/>\nUnd doch: In ihrer Performance ist das Archaische noch sp\u00fcrbar. Nicht umsonst hat sie die elaborierte Xala nach dem primitiven baskischen Perkussionsinstrument Txalaparta benannt, bei dem zwei oder mehrere Holzbretter von zwei Spielern vis \u00e0-vis mit dicken, senkrecht gehaltenen St\u00f6cken bespielt werden. Viel mehr als eine&nbsp;Silbe hat das marktrechtlich gesch\u00fctzte Xala mit dem Txalaparta allerdings nicht gemein. Oder doch? Spricht aus dem begrifflichen Verweis vielleicht die ewige Sehnsucht nach dem Urspr\u00fcnglichen?<br \/>\nGitta Gsells Film \u201eB\u00f6d\u00e4l\u00e4 &#8211; Dance the Rhythm\u201c (2010), ein Bilderrausch zum Stampfen als urmenschlichem Akt der Selbstvergewisserung, zeigt Losingers Auftritt im Turbinensaal der Grimselkraftwerke \u2013 ein so starkes wie sublimes St\u00fcck getanzter Musik. Es ist dem koketten B\u00f6d\u00e4l\u00e4 zum L\u00e4ndler im Toggenburg oder der Innerschweiz ebenso verwandt wie dem ungest\u00fcmen Taconeo der Gitanas in den D\u00f6rfern Andalusiens. Ania Losinger, die Asketin, sch\u00f6pft aus dem Vollen dieser Erfahrungen.<br \/>\n<em>Text: Tina Uhlmann<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf lausigen B\u00f6den tanzte sie nicht gern. 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